Alte   Ziegelei   Wiesenbach

 

 

Die Alte Ziegelei in der Poststrasse 8,
wurde im Jahre 2000 als Museum eröffnet.

Seit 2008 finden hier regelmäßig Kunst-Ausstellungen

statt, die sich mit musealen Ausstellungen abwechseln

 

 

Öffnungszeiten nach telefonischer Vereinbarung unter den Telefonnummern:

06223 / 9502-0   

Gemeinde Wiesenbach

06223 / 46060

Jürgen Berger, Leiter Alte Ziegelei

 
 

Geschichte  der  Ziegelei  in  Wiesenbach

Geschichte des Zieglerhandwerks
Auch wenn die Herstellung von Ziegeln in unserer Region bis in die römische Zeit zurück reicht und auch im Hochmittelalter die Tradition des Ziegelbrennens u.a. für das Kloster Lorsch belegt ist, so erlangte die Ziegelei in der Kurpfalz erst im 18. Jahrhundert an Bedeutung. Zuvor wurden
die Häuser meist mit Stroh oder Schilf gedeckt. Erst als auch vermehrt auf dem Land Dächer mit Ziegeln gedeckt wurden, entstanden auch ländliche Ziegeleien, wie die Wiesenbacher.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Produktivität der Ziegelhütten  durch zunehmende Mechanisierung um das acht bis zehnfache erhöht. Größere Betriebe, wie die Ziegeleien in Ziegelhausen und Eberbach, verdrängten die dörflichen Ziegeleien aufgrund ihrer höheren Produktivität und der besseren Verkehrsanbindungen. Dem allmählichen Verschwinden der Handstrich-Ziegeleien fielen auch die Wiesenbacher Ziegeleien kurz vor dem Ersten Weltkrieg zum Opfer.

Die Wiesenbacher Ziegelei
Die Wiesenbacher Ziegelei "an der alten Strasse nach Neckargemünd" ist nach
1800 erbaut worden – 1841 wurde ihr Alter auf 25 Jahre geschätzt.
Das Anwesen umfasste zu diesem Zeitpunkt ein Wohnhaus mit Stall,
"ein Stock von Stein, ein Stock von Holz", einen "Ziegelbrennofen mit Überbau
von Holz" und einen "Trockenhüttenbau ganz von Holz".
1841 war Valentin Reichert hier Ziegler. 10 Jahre später befand sich die
Ziegelei im Besitz von Andreas Schneider. Familie Schneider betrieb die
Ziegelei bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Die Ziegelhütte

Ursprünglich war das Gebäude nach allen Seiten offen. Heute ist nur noch eine Hälfte des Ziegelofens im Erdgeschoss vorhanden. Die Lehmgrube, der Tretplatz der Streichtisch und die Gerüste zum Trocknen der Ziegel, die sich in der anderen Hälfte befanden gibt es nicht mehr.
Den heutigen Ausstellungsraum nahm die Lehmgrube ein, in der früher der Ton „eingesumpft“ wurde. Auf dem Tretplatz wurde der Ton bearbeitet, bis er für den Ziegler und seine Helfer die richtige Konsistenz hatte, um auf dem Streichtisch die Ziegel zu formen. Diese kamen dann zum ersten Trocknen auf die Gerüste. Zur weiteren Trocknung wurden die Ziegel ins Obergeschoss in einen großen Trockenraum gebracht.

Der Ofen

Der Wiesenbacher Ziegelofen ist ein so genannter oben offener, einschüriger, altdeutscher Kammerofen. Diese Ofenart entstand Anfang des
17. Jahrhundertsund wurde noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gebaut. In diesem Ofen, einem von dreien im Ort, wurden über vier Monate
im Jahr Mauerziegel und Dachziegel (Biberschwänze) im Nebenerwerb hergestellt. Vier feste Umfassungsmauern umgeben die Feuerung des Ofens.
In der zur Strasse gelegenen Längsseite befindet sich eine Öffnung, durch die die rohen Ziegel herein und die gebrannten Ziegel herausgebracht wurden. Die Feueröffnung – Zuluft – befindet sich innerhalb der Ziegelhütte. Die Mauern des Ofens wurden, mit den in unserer Region typischen Bundsandstein errichtet. Der Innenraum wurde mit feuerfesten Backsteinen ausgemauert und mit Lehmmörtel ausgestrichen. Der Ofen konnte mit
ca. 5700 Mauerziegeln bzw. 8600 Biberschwanzziegeln beschickt werden.

Betrieb und Holzverbrauch
Zum Brennen wurden die Ziegel im Ofen aufgeschichtet, wichtig dabei war, dass zwischen den einzelnen Ziegeln genug Luft blieb, damit die Hitze von allen Seiten an die Steine heran kam und die Verbrennungsgase entweichen konnten. Nach der kompletten Füllung des Ofens wurde die seitliche Öffnung mit Backsteinen zugemauert. Die Backsteine wurden vorher mit Mörtel verschmiert. Der Ofen wurde nun langsam erhitzt, das so genannte "Schmauchen" diente dazu, dass das in den Ziegeln vorhandene Wasser entweichen konnte.
Der Ofen, der bis dahin offen geblieben war, wurde durch eine Schicht aus Erde oder Sand abgedeckt. Dann wurde das "Vollfeuer" in Gang gesetzt, bis die erforderliche Brenntemperatur von 950 bis 1000 °C erreicht wurde. Zum Abkühlen wurde dann die Abdeckung entfernt. Je Brennzyklus wurde ein Verbrauch von ca. 6000 kg Scheitholz und über 1400 kg Reisig ermittelt.

Ofenleistung

Um eine Charge Ziegel im Wiesenbacher Ziegelofen zu brennen, musste der Ziegler mit seinen Helfern acht Tage lang arbeiten. Am ersten Tag wurden die „Formlinge“ – die getrockneten Ziegel – in den Ofen eingesetzt. Für das Aufwärmen und "Schmauchen" wurden weitere zwei Tage benötigt, ebenso für das Mittel- und Vollfeuer. Nochmals zwei Tage vergingen, bis der Ofen und das Brenngut wieder abgekühlt waren. Ein weiterer Tag wurde benötigt, um den Ofen wieder auszuräumen. Der Ziegelofen war nur maximal vier Monate im Jahr in Betrieb. Bei einem Brennzyklus von acht Tagen ergab das 15 Brände pro Jahr. Somit ergab sich eine Jahresleistung von höchstens 85000 Mauerziegeln oder 129000 Biberschwanzziegeln.

Herstellung eines Ziegels

Traditionell wurden die Ziegel im so genannten "Handstrichverfahren" hergestellt. Zunächst musste der Rohstoff "Ton" vorbereitet werden. Dazu wurde die Tonmasse in Streifen geschnitten, um störende Steine zu finden und zu entfernen. Mit Wasser übergossen, ließ man ihn zwei bis drei Stunden einweichen. Der nächste Arbeitsschritt war das "Treten" des Tons. Die Mitarbeiter mussten in spiralförmigen Bahnen den Ton so lange durchtreten, bis dieser weich und geschmeidig war. Zwischendurch wurde die Masse mit Stechbrett und Gabel umgesetzt, damit alles vom Treten und Kneten erfasst wurde. Der so vorbereitete Ton wurde portioniert und mit Schwung in eine Holzform geworfen und dann eingedrückt. Mit einem Streichbrett strich der Ziegler den überflüssigen Ton ab. Der so geformte Ziegel wurde dann aus der Form herausgenommen und zum Trocknen verbracht. Ein einzelner Former konnte pro Tag, wenn die Tonmasse durch Treten von anderen Arbeitern übernommen wurde, bis zu 1000 Biberschwanzziegel oder bei Verwendung von Einfachformen 2500 und bei Einsatz von Doppelformen bis zu 3500 Mauerziegel herstellen. Die Arbeitszeit betrug dabei 12 bis 14 Stunden am Tag.

 

 

 

Formtisch einer Ziegelei in Fürth 1910

aufgenommen von dem Volkskundler Maurer Darmstadt        

 

 

 

 

Ziegler vor dem Trockengestell
mit aufgereihten Mauerziegeln

Traditionelle Ziegelformen

Die einfachste und wahrscheinlich auch älteste Form ist der quaderförmige Backstein. Für dessen Herstellung wird der Ton gedrückt, da wieder heraus genommen, getrocknet und gebrannt. In unserem Raum waren in römischer Zeit auch Dachziegel bekannt, die allerdings in der Zeit der Völkerwanderung weitgehend in Vergessenheit gerieten.
Erst im 8. Jahrhundert wurden Dachziegel vor allem für Klöster gebrannt. Diese "Klosterziegel" bezeichneten Hohlziegel (38 bis 40 cm), die wie längsseits halbierten Röhren aussahen, wurden auch "Mönch" und "Nonne" genannt.
Später entstanden dann die heute noch verwendeten "Biberschwänze", flache Tonziegel, an einer Seite abgerundet und an der gegenüberliegenden Unterseite mit einer Nase versehen, die die Fixierung an der Dachlatte bewirkte. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden dann kompliziertere Dachziegel hergestellt, wie Walm-, Grat- und andere Ziegel.

Handwerkliches Leben in Wiesenbach nach einem Auszug aus dem aktuellen Heimatbuch der Gemeinde Wiesenbach „Beiträge zur Ortsgeschichte“ von Dr. Günter Wüst:

Die Steuerunterlagen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigen uns, dass viele Landwirte ohne Taglohnarbeiten nicht in der Lage waren, ihre Familien zu ernähren. Die Anzahl der Handwerker ist dabei erstaunlich gering. Es gab sie nur im Oberdorf, und sie betrieben alle ein wenig Landwirtschaft. Das Handwerk spielte als Wirtschaftsfaktor eine untergeordnete Rolle und war in seiner schmalen Bandbreite ganz auf die Bedürfnisse der Bauerngemeinde eingestellt.
Im Jahr 1855 finden sich in den Steuerunterlagen der Gemeinde zwei Ziegler vermerkt, bis 1904 werden dann drei Ziegeleien aufgeführt. Aus den Wählerlisten konnte Dr. Wüst entnehmen, dass viele Erwerbstätige mehr als nur eine Erwerbsquelle hatten. Das plutokratische Wahlrecht teilte die Bevölkerung in drei Steuerklassen, nach denen auch die Gewichtung der Stimmen festgelegt wurde. So gab es im Jahr 1882 insgesamt 104 Wahlberechtigte, davon in der Klasse 1 (höchstbesteuert) 17, in der 2. Steuerklasse 33, und bei den Niedrigbesteuerten finden sich 54 Erwerbstätige.
In diesen Unterlagen sind auch drei Ziegler aufgeführt, zwei in der mittleren Steuerklasse, ein Ziegler in der niedrigsten Steuerklasse. Die Landwirtschaft im Nebenerwerb trug zur Existenzsicherung wesentlich bei. Gemessen an ihrem Steuerkapital lebten die Schneider am Existenzminimum, ebenso ein Teil der Leineweber und der Taglöhner.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch und Ihre Anregungen zum historischen Wiesenbach.
Ihr Freundeskreis Heimatmuseum

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© Jürgen Berger